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Kein Sorge- und Umgangsrecht für SexualstraftäterInnen!

 Einleitung

 Die Idee, das eigene Kind einem verurteilten Sexualstraftäter (oder einer Sexualstraftäterin) anzuvertrauen, ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Immer mehr Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche verlangen ein (erweitertes) Führungszeugnis. Damit soll verhindert werden, dass Personen, die- auch wegen Kindesmissbrauchs- verurteilt wurden, in die Nähe von Kindern kommen. Politiker betonen die Verantwortung der Eltern. Schließlich, so die Ermahnung, steht der Schutz der Kinder an erster Stelle.

In der Öffentlichkeit nicht thematisiert wird jedoch ein anderer Bereich, in dem die Tendenz seit einigen Jahrzehnten zunehmend in die andere Richtung geht.

In vielen Fällen geben Familiengerichte auch Elternteilen (i. d. R. Vätern), die wegen sexuellem Kindsmissbrauchs verurteilt wurden, das Umgangsrecht für ihre Kinder. Jugendämter, VerfahrenspflegerInnen und Gerichte erzwingen oft gemeinsam, dass die Kinder den Kontakt zu ihrem Vater auch nach dessen Verurteilung wegen Missbrauchs aufrecht erhalten.

Opferschutzorganisationen berichten, dass es oft kaum möglich ist, Kinder bei innerfamiliärem Missbrauch zu schützen. So beklagt die Expertin Ursula Enders:

"Da ohnehin immer mehr Mütter ihre Kinder alleine erziehen, fällt Frauen heutzutage die Trennung vom Partner im Falle eines Missbrauchs sicherlich leichter als noch vor 20 Jahren. Zudem erhöhen ein größeres öffentliches Bewustsein für die Belastungen betroffener Mütter und spezialisierte Beratungsangebote die Möglichkeit von Frauen, sexuelle Ausbeutung der Kinder wahrzunehmen, den Aussagen ihrer Töchter und Söhne zu glauben und diese zu schützen. Grenzen werden dem Engagement von Müttern für das Kindeswohl vor allem von Familiengerichten gesetzt, die nicht selten opferfeindliche und täterfreundliche Entscheidungen fällen und etwa selbst in Fällen eines zweifelsfreien sexuellen Missbrauchs begleitete Besuchskontakte mit dem Täter gerichtlich festschreiben. Die Gerichte nehmen das Risiko einer Retraumatisierung von Opfern billigend in Kauf.
Durch die Begegnung mit Tätern werden vielfach psychisch extrem belastende Flashbacks ausgelöst. Eine therapeutische Bearbeitung der Gewalterfahrungen ist zudem bei weiterem direkten Täterkontakt z. B im Rahmen begleiteter Besuchskontakte und von Telefonaten und/oder bei indirektem Täterkontakt (z. B. durch Briefe) ein therapeutischer Kunstfehler. "(1)

Wenn diese Umgänge häufig nicht durchgeführt werden können, sehen einige Wissenschaftler dies im Verhalten der Mutter begründet:

"In der Mehrheit der Fälle kann die Mutter den Umgang nicht zulassen, so daß das Kind einem erheblichen Druck ausgesetzt ist und sich deshalb gegen einen Umgang sträubt bzw. psychische Symptome zeigt." (2)

Hier wird offenbar davon ausgegangen, dass vor allem das Verhalten der Mutter problematisch ist, und nicht die vom Täter verübten Verbrechen.

Die theoretischen Konstrukte, womit diese derzeitige Praxis begründet wird, sind äußerst vielfältig und zum Teil nur schwer zu durchschauen.

Ideologische Überhöhung der biologischen Elternschaft

Ein Grund, warum auch z. T. gerichtlich verurteilten SexualstraftäterInnen Zugang zu "ihren" Kindern gewährt wird, liegt an der Idealisierung der Elternschaft (Vaterschaft). Auch heute noch vertreten einige WissenschaftlerInnen die Meinung, dass Kinder durch die Biologie zur ewigen Elternliebe verdammt sind. (3)

Gerade Kinder, die durch die sexualisierte Gewalt bereits traumatisiert sind, dürften, so die Meinung einiger "Experten", nicht zusätzlich durch einen Vaterverlust traumatisiert werden, auch  oder gerade wenn der Vater der Täter ist.

Hier wird explizit davon ausgegangen, dass vor allem die genetische Herkunft, und nicht das individuelle Verhalten der Eltern, entscheidend für die Entwicklung der Kinder ist.

Offenbar vertreten viele "Experten" die Ansicht, dass die Natur es im Sinne des Überlebens so eingerichtet haben soll, dass Kinder ihre Eltern immer lieben und an ihnen hängen, auch dann, wenn diese ihnen schlimmste Verbrechen angetan haben.

Das mutet grotesk an.

Sinnvoller wäre es schließlich, wenn die Gene der Eltern so programmiert wären, dass sie ihren Kindern keinen Schaden zufügen können.

Es kann nicht genau definiert werden, wie groß der Einfluss der Gene und deren Zusammenwirken auf das Bindungsverhalten von Menschen und insbesondere Kindern ist. Doch offensichtlich erfüllen Eltern, die ihren Kindern (sexualisierte) Gewalt antun, nicht die von der Natur zugewiesene Rolle von Schutz und Pflege.

Von Kindern kann somit nicht erwartet werden, dass sie, ihrer "natürlichen" Veranlagung entsprechend die Eltern unbedingt lieben.

Derartige Behauptungen sind nicht von wissenschaftlichen Erkenntnissen geprägt, sondern stellen vielmehr das Recht der Kinder, die eigenen Eltern kritisch zu hinterfragen und sich gegeben falls von ihnen zu distanzieren, in Frage.

Spaltung der Missbrauchsbeziehung in "gute" und "schlechte" Anteile

Der Kontakt zu den Personen, die den Kindern sexualisierte Gewalt angetan haben, sei sogar besonders wichtig für die Genesung der Kinder, da sie den Täter dann auch in anderen Situationen erleben könnten, so die Behauptung der "Experten".

Ein fortgesetzter Kontakt zum/zur ehemaligen (?) TäterIn könnte angeblich förderlich sein für spätere Partnerschaften und das sexuelle Empfinden.

Ein Kontaktabbruch sollte nach dieser Meinung möglichst nicht erwogen werden, da sonst die Gefahr bestünde, dass die Kinder den TäterIn (Vater/Mutter) dämonisieren bzw. idealisieren.

Der Kontakt sei notwendig, damit die Kinder ein realistisches Bild vom TäterIn bekommen.

Nicht einmal die Tatsache, dass die im Rahmen von Untersuchungen durchgeführten Umgänge abgebrochen werden mussten, weil sich der sexuelle Missbrauch wiederholte oder die Täter die Verantwortung für die Taten auf die Kinder verschoben hatten, wird als Grund gelten gelassen, um von solchen Umgängen grundsätzlich Abstand zu nehmen.

Des weiteren wird eingeräumt, dass Täter(Innen) in der Regel weder die Verantwortung für die von ihnen begangenen Verbrechen übernehmen, noch dass sie bereit sind, ihr Verhalten in irgendeiner Weise zu ändern.

Therapien werden- wenn überhaupt- von den Tätern nur angestrebt, um sich Vorteile zu verschaffen, sei es im Straf-oder Sorgerechts- bzw. Umgangsverfahren.

(2.1)

Es wird nicht erläutert, wie genau das spätere sexuelle Empfinden und die Partnerschaften von betroffenen Kindern positiv beeinflusst werden können, wenn sie den Kontakt zu den Tätern aufrecht halten. Diese Behauptung erscheint insoweit konstruiert, da es vor allem darauf ankommt, dass Kinder überhaupt positive Bezugspersonen haben. Warum nun ausgerechnet der Täter oder die Täterin hier von so unglaublicher Wichtigkeit sein soll, ist nicht nachvollziehbar, denn gerade TäterInnen haben durch ihr Verhalten bewiesen, dass sie nicht zu ernsthaften, verlässlichen und liebevollen Beziehungen fähig sind. Eine positive Vorbildfunktion durch TäterInnen kann deshalb nicht erwartet werden.

Doch selbst wenn der äußerst unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass ein Vater (Mutter) der den Kindern sexualisierte Gewalt zugefügt hat, ernsthaft bereut, so ist es doch mehr als fraglich, ob es für das Kind/ die Kinder sinnvoll sein kann, den Kontakt zu diesen "Eltern" zu pflegen.

Die neuere Traumaforschung zeigt, dass i. d. R. selbst kleinste Reize schon als Trigger ausreichen, um Opfer zu retraumatisieren. Solche Triggerreize können bei den Tätern z. B die Stimme, Gestik, Mimik, bestimmte Verhaltensweisen usw. sein. Bedacht werden sollte auch die Dauer, die nötig sein dürfte, um TäterInnen klar zu machen, was sie mit ihren Taten angerichtet haben, falls diese überhaupt bereit sind, sich damit auseinander zu setzen. Solche Taten erfolgen nicht losgelöst von der eigenen Biographie der Täter und ihrer Einstellung zu anderen Menschen. Sie offenbaren grundsätzliche schwerwiegende Defizite seitens der TäterInnen, die sich seit frühester Kindheit manifestiert haben. Daher müsste auch eine entsprechende Therapie langfristig über mehrere Jahre oder Jahrzehnte erfolgen, bis zuverlässig davon ausgegangen werden kann, dass von dem/der Täter/Täterin keine Gefahr mehr ausgeht. Bislang gibt es keine wirklich zuverlässigen Methoden, um den Erfolg einer solchen Therapie fest zu stellen. Deshalb kann auch es auch nicht angehen, Kinder den (ehemaligen?) TäterInnen wieder anzuvertrauen. 

Auch die Behauptung, zwischen Tätern und den betroffenen Kindern bestünde eine Beziehung rechtfertigt nicht die Fortsetzung dieser Art von Beziehung.

Schließlich basieren die Beziehungen zwischen Täter/Vater und Kind/Opfer nicht auf gegenseitiger Zuneigung. Viel mehr täuscht und bedroht der Täter (die Täterin) das Kind (und dessen Umfeld) bewusst, um die Taten ungestört begehen zu können.

Eine Spaltung der Missbrauchsbeziehung in hier die "guten" Anteile, -liebevolle Erziehung, Förderung und Pflege durch den Täter (die Täterin) - und dort die "schlechten" Anteile, d. h die gegen das Kind /die Kinder gerichtete sexualisierte Gewalt, ist nicht haltbar.

Gerade von Vätern, die sexualisierte Gewalt gegen ihre Kinder ausüben, wird berichtet, dass sie sich nicht an der Versorgung oder Erziehung der Kinder beteiligen.

TäterInnen geht es um die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse. Die Versorgung und Erziehung der Kinder wird-wenn überhaupt-zu dem Zweck geleistet, das Umfeld zu täuschen und die Kinder weiterhin zur eigenen Verfügung zu haben.

Das Leid der Kinder, ob nun die eigenen Kinder oder nicht, ist den TäterInnen zumindest gleichgültig!

Einige Täter berichten:

Nachdem ich meinen Sohn bereits über zwei Jahre hinweg missbraucht hatte, nach all der Pornographie, die ich gekauft, geliehen oder mit anderen getauscht hatte, fiel mir Sadomaso-Pornographie mit Kindern in die Hände. In vielem, was ich da las und auf Bildern sah, bestand der Reiz in der totalen Unterwerfung. Die Kinder dazu zu zwingen, alles zu tun, was man von ihnen wollte.
Und dann habe ich angefangen, einen Teil dieser Techniken an meinem Sohn auszuprobieren. Ihm Schmerz zuzufügen hat mich extrem erregt. (4)




Ja, Macht war es und Kontrolle. Ich habe sie mir allmählich herangezogen, etwa ab dem Alter von einem Jahr an. Als ... war ich der Strafende. Ich war derjenige, der entschied, wann die Kinder zu bestrafen waren. Ich war derjenige, der ihnen den Hintern versohlte. Ich war derjenige, der die Kinder strafte. Und wenn ich sah, dass die Kinder etwas Falsches taten, auch wenn es nur Gekabbel war, Streitereien untereinander, dann prügelte ich sie und sagte ihnen Bescheid - wissen Sie, einfach nur spielende Kinder. Ich sagte mir, dass sie, nun, dass sie nicht so werden würde. Sie würde die vollkommene Partnerin abgeben. Und das sagte ich mir. Und damals habe ich sie nicht missbraucht.
Frage: Die perfekte Partnerin?
Antwort: Die perfekte Partnerin. Ich habe sie herangezogen, damit sie zu mir passte. Zu mir.
Frage: Ab welchem Alter?
Antwort: Ich habe etwa mit einem Jahr angefangen. Ich habe sie geködert und geschlagen und ihr alles gesagt. Ihr gesagt, was sie zu tun und zu lassen hat. Dann, als sie achtzehn Monate war, habe ich sie missbraucht. Und ich dachte bei mir: Das wird leicht. Das wird eine einfache Sache. Ich mache das mit meinem eigenen Kind, meiner eigenen Stieftochter, die mit mir ja eigentlich gar nicht verwandt ist. Solche Sachen habe ich zu mir selbst gesagt. Es ist niemand Blutsverwandtes. Wenn sie vierzehn oder fünfzehn ist, werde ich an ihr die perfekte Geschlechtspartnerin haben. Zu Sexzwecken.
Das war’s. Das Kind war mir egal, ehrlich, ich empfand keine Liebe für das Kind. Ich wollte es für meine Zwecke haben.
Frage: Wie haben Sie das vor sich selbst gerechtfertigt?
Antwort: Wie ich das vor mir gerechtfertigt habe? Sie hat zu machen, was ich ihr sage, und damit hat sich’s ... Ich habe ihr erklärt, dass ihr Papa sie lieb hat. Papa wird für sie sorgen, und Papa wird ihr geben, was sie will, solange sie tut, was Papa ihr sagt. (5)


»Die kriegen alles Mögliche geschenkt und haben die wildesten Sachen und die teuersten Klamotten, sind aber in Wirklichkeit nur irgendwelche Vorzeigepuppen. Aber die wollen auch 'n bisschen körperliche Nähe. Die wollen auch mal einen Gesprächspartner haben, mit dem sie offen über alles reden können. Und solche Leute trifft man dann auch, und die sind froh, wenn sie dann einen Erwachsenen finden, der sie einmal für voll nimmt« (6)


»Versuch irgendeinen Weg zu finden, um mit dem Kind zusammenzuleben. Wenn du ein Repertoire an Witzen hast, welche sich zwischen pikant und pornographisch bewegen ... lass Pornohefte herumliegen. Sprich über Sex. Beobachte die Reaktion des Kindes. (7)
..Benutze Liebe als Köder [...] Bedrohe sie niemals. Gib ihr die Illusion, dass sie frei entscheiden kann, ob sie mitmacht oder nicht..
..... Als erstes musst du dem Opfer totale Angst machen.... Dann isoliere das Opfer, so dass niemand weiteres um es herum ist. Der nächste Schritt zielt darauf ab, das Kind glauben zu machen, dass alles in Ordnung ist, so dass sie nicht hinrennen und was erzählen. Du kannst sie überzeugen, dass es nichts Schlimmes damit auf sich hat oder Druck auf das Kind ausüben, nichts zu berichten. Gebrauche Gewalt und Zwang.

Bringe möglichst viele Menschen, die dem Kind nahe stehen, dazu, dir zu vertrauen.(8)


Bei mir läuft das meistens so ab, dass ich sie mal kitzel und während des Spielens über den Kitzler streichle, auch mal zwischen die Beine komme. (9)

Ein weiterer Täter schreibt seinem kindlichen Opfer:

"Ich schreibe dir diesen Brief, damit du die Tatsachen kennst, weißt, was ich mit dir getan habe. Was ich von dir wollte, war dein junger Körper zur Befriedigung meiner Lust. Ich habe dich nicht geliebt. Ich habe dir nur deshalb Spielsachen geschenkt, damit du niemandem erzählen solltest, was ich mit dir machte und damit du gut von mir denken solltest...Vielleicht erinnerst du dich an die Tage, an denen ich etwas mit dir unternommen und hinterher gesagt habe, wie schön ich den Tag gefunden hätte. Ich habe ihn nie schön gefunden. Ich wollte nur mit dir zusammen sein, damit ich dich missbrauchen konnte" (10)

Die Situation der missbrauchten Kinder

Viele Kinder, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, befinden sich in einer ausweglosen Situation, besonders wenn die Taten von beiden oder einem der beiden Elternteile begangen werden. Da sie sich gegen den Täter bzw. die Täterin nicht wehren und auch nicht vor ihnen weglaufen können, sind sie der Situation hilflos ausgeliefert. Es ist allgemein bekannt, dass jedes Kind zumindest eine feste erwachsene Bezugsperson braucht, um überleben zu können.

Wenn also von diesen Bezugspersonen die Gewalt ausgeht, müssen Kinder um diesen Horror überleben zu können, die Taten und/oder die dazugehörigen Emotionen abspalten.

Grundsätzlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Menschen die Gewalt und Folter erleben, dazu neigen, sich mit dem Aggressor zu identifizieren.

Das hat mehrere Gründe:

  1. In extremen Situationen, wie z. B einer Entführung (siehe Stockholmsyndrom), ist der Aggressor tatsächlich die einzige Bezugsperson, die dem Opfer zur Verfügung steht. Alle Informationen und Ansichten erhält das Opfer nur vom Täter (der Täterin).
    Vor allem kleine Kinder, die von den Eltern (sexualisierte) Gewalt erfahren, sind in einer ähnlich abhängigen Position.
    Da sexueller Missbrauch in unserer Gesellschaft nach wie vor tabuisiert wird, bekommen die betroffenen Kinder ausschließlich die Sicht des Täters/der Täterin vermittelt, z. B. dass das alles nur aus Liebe geschieht, dass die Kinder die Schuld tragen, dass das alles gar nicht schlimm ist usw.
  2. Durch die Übernahme der Schuld und die Entschuldigung des Täters/der Täterin, kann das betroffene Kind das Gefühl der totalen Ohnmacht abwehren.
  3. Kindern ist es nicht möglich, das wahre zerstörerische Ausmaß der sexualisierten Gewalt zu erkennen. Folgeerscheinungen des sexuellen Missbrauchs treten nicht selten erst viele Jahre/Jahrzehnte nach den Taten auf.
  4. Viele Taten werden von den betroffenen Kindern abgespalten oder umgedeutet, um überleben zu können

Die Tatsache also, dass von sexualisierter Gewalt betroffene Kinder dem Täter/der Täterin mit ambivalenten Gefühlen begegnen, ist keineswegs ein Beleg dafür, dass sie von einer wie auch immer fortgesetzen Beziehung zum/zur TäterIn profitieren (können).

Eine Betroffene die von ihrem Vater sexuell missbraucht und von beiden Eltern vernachlässigt wurde erzählt:

"Ich sagte, ich muß zurückgehen und eine kleine Realitätsprüfung vornehmen. Ich muß sie mir noch einmal ansehen - sehen, welche Gefühle ich dann habe.«
Damals hatte ich gerade begonnen, über meine Vergangenheit nachzudenken und auch darüber zu sprechen.
Ich besuchte sie. Als ich das Haus betrat, saß dort dieser alternde Mann — viel kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte —, der mir überhaupt keine Angst machte. Er tat mir irgendwie leid. Ich ging zu ihm hin, schlang meine Arme um ihn und sagte: >Tag Dad. Schön, Dich zu sehen.« Ihm standen Tränen in den Augen.
Ich blieb einige Wochen dort. Eines Abends sagte er zu mir: >Laß uns was trinken gehen.« Und da bekam ich Angst. Ich dachte, Oho! Wenn er zu trinken anfängt, dann trinkt er meistens zu viel und meine Mutter wird wütend auf ihn. Wenn ich also mit ihm ausgehe und er zu viel trinkt, wird sie auf mich wütend. Ich fühlte mich wie eingeschnürt. Aber ich wollte immer noch eine neue Beziehung zu ihm herstellen.



Ich wollte eine warme, gute, menschliche Beziehung zu ihm. Ja. Ich wollte, daß er wie ein Vater zu mir wäre. Ich wollte eine normale Beziehung zu ihm.
Also gingen wir aus und tranken etwas. Als wir dort in der Bar saßen, füllten sich seine Augen mit Tränen und er sagte: >Das ist jetzt Deine zweite Scheidung. Deine zweite Scheidung. Ich weiß, das, was ich Dir als Kind angetan habe, ist schuld daran. Du sollst wissen, daß ich es mir selbst nicht erklären kann, warum ich es getan habe — und daß es mir leid tut.«

Ich streichelte ihm über die Arme — in meinen Augen waren Tränen. >Es ist ok<, sagte ich und dachte: »Welch reifes, gebendes, menschliches Wesen bin ich doch!< Ich fühlte mich so gütig und war mit mir selbst sehr zufrieden.
Wir gingen lachend Arm in Arm die Straße entlang. Denn von allem andern abgesehen — von Erwachsenem zu Erwachsenem — war er wirklich ein sehr kluger Mann mit Sinn für Humor, einem sehr trockenen Humor. Gut gelaunt gingen wir nach Hause und sprachen noch einmal darüber und er sagte: »Ja ich weiß. Es war wirklich etwas sehr Schlechtes!«
Und dann sagt er zu mir: »Aber weißt Du. Du bist eine sehr hübsche Frau. Ich würde immer noch gern mit Dir ins Bett gehen.«
Und ich dachte: »O Scheiße. Wieder hat er mich getrickst!« Ich weiß noch, daß ich das wirklich dachte: »Scheiße! — Vergib und vergiß — Ich kleine Pfadfinderführerin! O Scheiße.«
Später besuchte ich meine Eltern noch einmal - vor sieben Jahren. Und es war einfach schrecklich mitanzusehen, wie schlecht sie meine Brüder behandelten — wie sie sich über ihren schwachsinnigen Jungen lustig machten. Aber jetzt habe ich keinen Kontakt mehr mit ihnen. Früher hatte ich immer das Bedürfnis, mit ihnen in Verbindung zu bleiben — wie ein kleines Mädchen zurückzugehen und sie zu fragen: »Bin ich endlich gut genug?« Ich hoffte immer noch, irgend etwas würde sich ändern — wie so viele mißhandelte Kinder: sie gehen ständig zurück; immer haben sie das Bedürfnis, etwas richtig zu stellen. Sie versuchen es immer und immer wieder.
Ich ging zurück mit dem Gefühl: »Hier bin ich. Könnt ihr mich jetzt akzeptieren? Bin ich in Ordnung? Bin ich gut genug? Bin ich endlich gut genug?« Schließlich war ich soweit zu denken: »Zum Teufel damit!« Ich hatte gute Freunde. Und dort waren diese lieblosen Menschen. Warum zum Teufel sollte ich alle meine Energie verausgaben, um sie zu lieben. Warum wollte ich unbedingt von ihnen anerkannt werden? Sie waren einfach Eltern, die ihre Kinder mißhandelten."(11)

Eine Frau, die durch ihren Vater sexualisierte Gewalt erleiden musste, berichtet:

"Bis auf die eine Schwester habe ich meine ganze Familie verloren. Mir bleibt halt keine andere Wahl; ich will und kann nicht mehr zurück - sonst würde ich mich selbst verleugnen. In der letzten Zeit habe ich manchmal das Gefühl, dass meine Freundinnen und Freunde heute meine wirkliche Familie sind. Wir brauchen alle Eltern und Geschwister - ich auch, aber es müssen nicht immer die leiblichen sein! "(12)

Die Rolle der Geschwister

Häufig ist zu beobachten, dass Jugendämter, GutacherInnen und Familiengerichte bei innerfamiliärer sexualisierter Gewalt davon ausgehen, dass für die Geschwister der Missbrauch keine Rolle spielt. So passiert es nicht selten, dass das Kind bei dem der sexuelle Missbrauch aufgedeckt wurde bzw. bei dem ein konkreter Verdacht  besteht, nicht den Umgang wahrnehmen muss. Dagegen werden die Geschwister, die (angeblich) nicht unmittelbar betroffen sind, zum Kontakt mit dem TäterIn gezwungen.

Hierbei wird übersehen, dass wenn bei einem Kind der innerfamiliäre Missbrauch aufgedeckt wird, häufig auch die Geschwister von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Oft wird gegen die Geschwister vom Täter/ der Täterin körperliche Gewalt ausgeübt, um sie einzuschüchtern und den Missbrauch am unmittelbar betroffenen Kind ungestört fortsetzen zu können.

So berichtet eine Überlebende von sexualisierter Gewalt durch den Vater:

"Mein Bruder-mit meinem Bruder kam er nicht gut aus. Mein Bruder leidet immer noch darunter, wie sein Vater ihn behandelt hat. Ich erinnere mich, wie mein Bruder den Buchstaben >F< nicht richtig schreiben konnte und mein Vater ihn deswegen gegen die Wand schmiß. Und wie ich mich zwischen sie stellte und sagte, >hör auf ihn zu schlagen. Wenn du ihn schlägst musst du mich zuerst schlagen.< Und er sagte:>Geh aus dem Weg oder ich verhaue Dich.<Aber mich hätte er niemals geschlagen"(13)

In jedem Fall sind die anderen Kinder innerhalb der Familie von massiver psychischer Gewalt durch den/die TäterIn betroffen!

Bei innerfamiliärerer sexualisierter Gewalt werden die Kinder gezielt gegeneinander ausgespielt, um eine Solidarisierung der Geschwister untereinander zu verhindern. Dadurch wird deutlich, welche Zerstörung die Tat für die gesamte Familie nach sich zieht. Schon allein der Geheimhaltungsdruck des Täters/der Täterin auf das unmittelbar betroffene Kind sorgt für eine Entfremdung des Kindes von seinen Geschwistern.

Besonders wenn die Geschwister sich dem Täter/der Täterin verbunden fühlen, entstehen daraus Loyalitätskonflikte, die für sie kaum auszuhalten sind. Sie schwanken zwischen dem Gefühl der Solidarität mit dem missbrauchenden Elternteil und dem Schuldgefühl, weil ihnen das Leid (vermeintlich) erspart geblieben ist und sie ihrer Schwester/ihrem Bruder nicht helfen konnten.

Hier wirkt die derzeitige Praxis im Sorge-und Umgangsrecht besonders verheerend! Wenn die Geschwister Umgang mit dem/der TäterIn haben und der Umgang für das unmittelbar betroffene Kind nicht stattfindet, werden die vom missbrauchenden Elternteil eingesetzten Strategien zur Entfremdung der Kinder verstärkt und unterstützt.

Durch diese Ungleichbehandlung wird signalisiert, dass die Ursache für den Missbrauch bei dem konkret betroffenen Kind liegt und nichts mit den Geschwistern zu tun hat. Dies ist für den/die TäterIn eine gute Möglichkeit, die Tat zu leugnen, zu bagatellisieren und/oder die Schuld für diese Tat dem betroffenen Kind zu geben und die Geschwister so gegen das betroffene Kind (weiter) aufzuhetzen. Dadurch kann das konkret betroffene Kind weiter unter Druck gesetzt werden, auch wenn es seinem/seiner Peiniger/Peinigerin nicht direkt ausgeliefert ist. Andererseits erlebt das unmittelbar betroffene Kind, dass es aus der Erlebniswelt seiner/ihrer Geschwister ausgeschlossen ist. Wenn diese über ihre Erfahrungen und Gefühle während des Umgangs sprechen, bleibt das direkt betroffene Kind ausgeschlossen und muss ein weiteres Mal erleben, dass es "anders" ist. Zudem kann es für das konkret betroffene Kind retraumatisierend sein, wenn es den Täter/die Täterin bei den Übergaben sieht. Auch die Angst, dass die Geschwister nicht wirklich geschützt sind, wird eine Heilung für das konkret betroffene Kind deutlich erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen.

Ebenso können sich die Geschwister bestraft fühlen, wenn sie erleben, dass sie den Umgang wahrnehmen müssen, während ihrer Schwester/ihrem Bruder das erspart bleibt.

Falls die Tat von den Geschwistern beobachtet wird, ist das in jedem Fall für sie ähnlich traumatisch wie ein selbst erlebter Missbrauch.

Aus Bürgerkriegsregionen ist bekannt, dass Vergewaltigungen gezielt begangen werden, um die gesamte Dorfgemeinschaft zu zerstören. (14) Das Gleiche passiert bei (sexualisierter) Gewalt innerhalb der Familie:

Die Bindung der Kinder zueinander wird systematisch zerstört!

Die Rolle des anderen Elternteils

Sofern der innerfamiliäre Missbrauch von einem Elternteil verübt wird, bemerkt der andere Elternteil i d. R. nichts davon. Das ist vor allem der ausgeklügelten Täterstrategie des übergriffigen Elternteils geschuldet. Der Geheimhaltungsdruck, der dem betroffenem Kind auferlegt wird, richtet sich vor allem gegen den anderen Elternteil, da die Aufdeckung von diesem am wahrscheinlichsten ist.

Für viele Mütter bricht erst mal eine Welt zusammen wenn sie von dem sexuellen Missbrauch durch den Vater erfahren. Ob und wie die Mutter reagiert, hängt von mehreren Faktoren ab:

  1. Beziehung zwischen Mutter und Kind
    Falls die Mutter eine enge und gute Beziehung zu den Kindern hat, wird sie eher bereit sein, Maßnahmen zu deren Schutz zu ergreifen, als wenn sie ihren Kindern grundsätzlich nicht vertraut oder diese ihr gleichgültig sind.
    Deshalb versuchen TäterInnen, einen Keil zwischen Mutter und Kind zu treiben. Eine beliebte Strategie ist es, das Kind als Lügner, dumm oder sonst wie unglaubwürdig darzustellen.
    Oftmals wird auch die Mutter gegenüber dem Kind abgewertet, so dass das Kind die Mutter nicht als vertrauenswürdig erlebt und sich ihr nicht anvertraut.
    Allein die Tatsache, dass sich das Kind der Mutter (zunächst) nicht anvertraut hat, ist kein zwingendes Zeichen für eine schlechte Beziehung zwischen Mutter und Kind. Vor allem kleine Kinder werden vom Täter mit z. T. drastischen Drohungen davon abgehalten, sich anderen, insbesondere der Mutter, anzuvertrauen.
    Eine Mutter berichtet:

    "Martin hatte ihm mit Seife die Augen ausgewaschen, mit Brennesseln den Penis abgerieben und Brennesseln in den Mund gesteckt. Moritz (das Kind Anm. d. Autors) müsse den Mund halten und solle wissen wie das ist, wenn man sich den Mund verbrennt-so die Drohung des Erwachsenen. Auch musste das Kind mitansehen wie Martin den Hund quälte"(15)


    "Zur meiner Verwunderung fragte Moritz mich eines Tages, was eigentlich mit Kindern passiere wenn beide Eltern tot wären. Ich war inzwischen hellhörig für die `kleinen Nebenbemerkungen´ meines Sohnes und erkundigte mich danach, wie er auf so eine Frage komme. `Der Martin hat gesagt, wenn ich etwas sage, dann erschießt er euch und dann müssen
    Anne, Julia und ich zu ihm und immer bei ihm bleiben.´ Jetzt verstand ich, warum sich unser Sohn uns nun wirklich nicht hatte anvertrauen können. Welche Angst musste er gehabt haben!´"(16)  
     
  2.  Beziehung zwischen Mutter und Vater
    Fühlt sich die Mutter dem (Täter-)Vater eng verbunden, oder ist sogar abhängig von ihm, wird ihre Bereitschaft, zum Schutz ihre Kinder den Vater zu verlassen, deutlich geringer sein als wenn sie schon seit längerer Zeit das Verhalten des Vaters kritisch beurteilt und sich aus anderen Gründen bereits emotional aus der Beziehung gelöst hat.
    Viele Mütter können sich zunächst nicht vorstellen, dass ausgerechnet ihr Partner zu derartigen Taten fähig ist. Sie können daher auch den Aussagen ihrer Kinder oder Hinweisen aus ihrem Umfeld (zunächst) keinen Glauben schenken.
    Nicht selten ist auch die Mutter von Gewalt durch den Vater betroffen und dadurch eingeschüchtert und verunsichert.
    Häufig offenbaren sich die betroffenen Kinder auch erst nach der Scheidung, da sie nicht mehr mit dem Täter unter einem Dach leben und somit den Täterstrategien nicht mehr (so stark)
    ausgeliefert sind.
     
  3. Soziale Vernetzung der Mutter
    Hat die Mutter einen guten Freundeskreis, Verwandte, die ihr tatkräftig zur Seite stehen, und im besten Fall kompetente Beratungsstellen vor Ort, wird es ihr leichter fallen, Hinweise darauf, dass "etwas nicht stimmt", ernst zu nehmen und ihre Kinder zu schützen. Sie kann den Rechtfertigungen und Behauptungen des Täters besser etwas entgegensetzen, wenn sie weiß, dass sie mit ihrer Wahrnehmung nicht alleine ist. Vor allem die Möglichkeit, den Lebensunterhalt für sich und die Kinder zur Not auch alleine erwirtschaften zu können, bietet der Mutter die Möglichkeit, sich aus der Abhängigkeit des Täters zu lösen und die nötigen Schritte einzuleiten, um sich und die Kinder zu schützen. Auch vor dem Hintergrund familienrechtlicher Auseinandersetzungen ist es von entscheidender Bedeutung, dass ein gutes soziales Netz vorhanden ist, da die Belastung während der Trennungszeit durch Auseinandersetzungen vor dem Familiengericht deutlich verschlimmert werden.  

Wenn die betroffenen Kinder auch nach der Aufdeckung der sexualisierten Gewalt dazu genötigt werden, den missbrauchenden Elternteil zu besuchen, fühlen sie sich meistens auch vom anderen Elternteil verraten. In diesem Fall erleben sie  nicht, dass sie geschützt werden, sondern dass der missbrauchende Elternteil immer Macht über sie haben wird und der andere Elternteil sie nicht beschützen kann oder will, egal was passiert, und wie sie sich verhalten.

Es ist schon paradox! Schon die Vermutung, dass der  beschützende Elternteil dem anderen das Kind entfremden   könnte, reicht aus, um heftigste Sanktionen gegen ihn/sie zu beschließen, wie z. B das Verhängen von Ordnungsgeldern, Beugehaft, Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts oder der kompletten elterlichen Sorge.

Dagegen wird die offensichtliche Entfremdung, die durch den TäterIn zwischen Kind und beschützendem Elternteil betrieben wird, von Familiengerichten, Jugendämtern, Verfahrenspflegern usw. nicht zur Kenntnis genommen oder sogar noch gefördert.

Wie MissbrauchstäterInnen für eine Entfremdung zwischen dem betroffenen Kind und dem nicht missbrauchenden Elternteil sorgen wird durch den Bericht einer Frau deutlich, die in ihrer Kindheit vom Vater vergewaltigt wurde :

"Dann sagte er:>Deine Mutter hat mir erzählt, dass deine Periode angefangen hat< und ich dachte: >Diese Schlampe! Warum hat sie es ihm erzählt. Warum hat sie das getan<
Und er sagte:>Jetzt bist du bereit dafür, oder nicht?<
Und ich hatte nur Panik. PanikUngefähr eine Woche später war ich allein mit ihm.
Er zog einen Kondom heraus - einen von der Sorte, die man wäscht, trocknet und pudert und dann drüberzieht. Jetzt war es also soweit.
Ich erinnere mich, wie er langsam in mich eindrang - wie ich auf dem Bett lag - nur zitterte und dachte >Oh Gott, was macht er. Was macht er nur.< Nicht die Spur von Vergnügen, an diesem Punkt. Total versteinert. Und er sagte,>weißt Du, ich muß dieses Ding immer nehmen. Denn wenn Du jemals ein Baby bekommst, werden sie Dich dafür einsperren. Und außerdem wäre es ja auch verrückt. Dann kämen taube Kinder auf die Welt.< Solche Sachen sagte er zu mir. Und ich bin sicher, das hat mir später bei meinen Schwangerschaften nicht geholfen.

Ich war voller Wut - verzweifelter Wut. Zu allem Überfluß zerstörte er die einzige Beziehung, die ich hatte - die zu meiner Mutter. Er entfremdete mich ihr, indem er sagte: >Wenn Du jemals Deiner Mutter etwas davon erzählst, bringe ich Dich um.<

Er mißbrauchte mich nicht nur - er nahm mir auch meine einzige wirkliche Beziehung. Zerstörte sie vollkommen."(17)

Anstatt dem missbrauchenden Elternteil weiterhin Zugriffsmöglichkeiten zu den Kindern zu geben wäre es wichtig , dass die Beziehung zwischen dem beschützenden Elternteil und den Kindern erhalten bleibt, damit die destruktive Wirkung der eingesetzten Täterstrategien aufgedeckt und behoben werden kann. Dann hätten die betroffenen Kinder die Möglichkeit, die an ihnen begangenen Verbrechen aufzuarbeiten und (wieder?) Vertrauen zu sich und anderen zu bekommen.

Begleiteter Umgang ist keine Lösung bei sexualisierter Gewalt 

In den letzten Jahren wurde der begleitete bzw. behütete Umgang als Lösung bei sexualisierter Gewalt betrachtet. Einerseits, so die Behauptung, werde dem Kind der Vater (die Mutter) erhalten, anderseits könnte es durch die Anwesenheit der dritten Person nicht zu erneuten Übergriffen kommen.

Da der begleitete Umgang immer zum Ziel hat, einen unbegleiteten Umgang vorzubereiten, ist das Kind/die Kinder dennoch in Gefahr. Schließlich soll es auf absehbare Zeit dem Täter/der Täterin wieder allein ausgeliefert werden.

Selbst wenn durch die Anwesenheit einer dritten Person erneute strafrechtlich relevante Übergriffe verhindert werden (sollten), erhält der (die) TäterIn dadurch weiterhin die Möglichkeit, die Strategien die er/sie für die Vorbereitung und Durchführung der sexualisierten Gewalt eingesetzt hat, fortzusetzen. So können Schweigegebote und Einschüchterungen durch Mimik, Gestik und Tonlage erneuert und erhalten werden. Wie Kinder auch in Anwesenheit dritter Personen eingeschüchtert werden können, ohne dass andere Erwachsene das mitbekommen, erzählt ein Täter:

 "Im Prinzip-wenn sie ruhig bleiben und ihrem Gegenüber, wer immer das auch ist, in die Augen schauen, vor allem, wenn es die Mutter des Opfers ist oder das Opfer selbst- wenn das Opfer irgendwo ist wo Sie es anschauen, sie oder ihn nervös machen können, je nervöser Sie es machen, umso mehr sieht es danach aus als ob es lügt. Wenn sie in der Nähe sind. Meist sind sie es nicht.
Frage: >Wie machen Sie sie Nervös?<
Antwort:>Indem ich sie anstarre. Wissen Sie so in der Art: Ich kriege dich. Es ist im Grunde wissen Sie eben diese Art von Blick. Für ein Kind ist das....Sie traumatisieren es durch bloßes Anstrarren<"  (21)

Besonders gravierend dabei ist, dass Personen, die den Umgang bei verurteilten SexualstraftäterInnen begleiten, meistens keinerlei Ahnung von Traumatisierungen, Täterstrategien und (sexualisierter) Gewalt haben. Es ist also davon auszugehen, dass die Mehrzahl solch versteckter Täterstrategien nicht aufgedeckt werden und die betroffenen Kinder in ungelösten Zwangslagen bleiben. Eine weitere Gefährdung für das Kind ergibt sich, wenn es TäterInnen gelingt, die UmgangsbegleiterInnen zu manipulieren und deren Wahrnehmung zu vernebeln. Daher erscheint es eher so, dass der begleitete Umgang vor allem für Verfahrensbeteiligte wie z. B Gerichte, Jugendämter usw. beruhigend wirken soll, damit sie sich über die Gefahren eines weiteren Kontaktes zwischen TäterIn und Kind keine Gedanken machen müssen.

Besonders, wenn das Kind zum/zur TäterIn Vertrauen fasst, ist die Gefahr erneuter Übergriffe besonders hoch, denn dadurch kann der/die TäterIn sich sicher sein, dass das Kind sich nicht offenbaren wird oder versucht, den Übergriff abzuwehren. Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung ist es durchaus möglich, dass Kinder auch in Anwesenheit dritter Personen sexualisierte Gewalt erfahren, ohne dass andere es merken. So berichtet ein Täter:

"Meinen Neffen habe ich über neun Jahre lang vergewaltigt. Und nur selten passierte das, wenn niemand Zuhause war...."(22)

und weiter:

"Manchmal habe ich Kinder im Auto missbraucht, während die Eltern auf den Vordersitzen saßen und ich mit den Kindern hinten. Das Kind war mir so vertrauensvoll zugetan, dass es für sich beschloss, jawohl ich will schlafen, und dann konnte ich es dazu bringen, sich quer über den Sitz zu legen, und ich fingerte an seinem Penis herum. Ich konnte Hand an ihn legen, während die Eltern vorne im Auto saßen...." (23)

Fazit

Wer sich mit den Ansichten und Regeln befasst, die in der Jugendhilfe und den Familiengerichten vorherrschen, hat nicht selten das Gefühl, eine Art "Parallelwelt" zu betreten, in der die Grundzüge des Zusammenlebens, wie z.B. Empathie, gesunder Menschenverstand und Aufrichtigkeit, keine Gültigkeit besitzen.

Obwohl in den letzten Jahren immer mehr zum Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder erforscht wurde und die Schädlichkeit dieses Verbrechens außer Frage steht, spielen diese Tatsachen für Gerichte und Jugendhilfe kaum eine Rolle, wenn diese Verbrechen im Rahmen von Sorge-und/oder Umgangsrechtsverfahren thematisiert werden.

Enorm wichtig wäre es, die vom TäterIn gesetzten Normen zu korrigieren und dem Kind damit klar zu machen, dass solche Taten verboten sind, und einzig und allein Erwachsene, die so was tun, die Verantwortung dafür tragen.

Stattdessen wird behauptet, dass ein Kind, dass von seinen Eltern sexualisierte Gewalt erfahren hat, immer noch ein Recht (!) auf diese Eltern habe.

Wohl nicht zufällig erinnert diese Argumentationsweise an die Aussage einiger pädophilenfreundlicher Forscher, dass Kinder ein "Recht" auf Sexualität mit Erwachsenen hätten.

Die Behauptung, dass die betroffenen Kinder den Kontakt zu beiden Eltern unbedingt bräuchten, selbst dann, wenn zumindest einer der beiden Eltern dem Kind sexualisierte Gewalt angetan hat, gibt TäterInnen eine ungeheure Machtstellung gegenüber dem Kind und liefert gleichzeitig eine Relativierung der begangenen Verbrechen.

In Wahrheit erfüllen solche "Eltern" keinerlei Elternfunktionen für das Kind. Weder begegnen sie dem Kind mit aufrichtiger Liebe, noch leisten sie einen positiven Beitrag für die Entwicklung des Kindes.

Dazu stellt sich die Frage, wie es ethisch verantwortbar sein soll, ein Kind weiterhin in eine Beziehung zu den Eltern zu zwingen, wenn diese Beziehung einzig und allein auf einer Täuschung beruht. Durch den Kontaktabbruch werden natürlich nicht alle durch den Missbrauch verursachten Schäden automatisch behoben. Den Kontakt zum/zur TäterIn abzubrechen, ist jedoch die zwingende Voraussetzung für das Kind, um überhaupt eine Chance zu haben sich von den Taten zu erholen und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Angeblich soll alles getan werden, um Kinder zu schützen.

Während die Bevölkerung in regelmäßigen Abständen aufgefordert wird "hinzuschauen" und bei Verdachtsfällen einzugreifen, ignorieren gerade die Institutionen, die- zumindest offiziell- zum Wohl der Kinder geschaffen worden sind, sehr oft sämtliche Fakten die gegen weiteren Kontakt zu einem Elternteil oder beiden Eltern sprechen.

Dadurch verschlimmern sie das Leiden der Kinder immens und werden zum Bestandteil massivster Kindswohlgefährdung!

Damit Kinder in unserem System zuverlässig geschützt werden können,  ist sicherzustellen, dass zumindest verurteilte SexualstraftäterInnen keinen weiteren Zugriff auf Kinder haben. Im Familienrecht würde das bedeuten, das Gesetze erlassen werden müssten, die  Personen, die wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden sind, vom Sorge- und Umgangsrecht ausschließen.

Leider wird es noch lange dauern und viele Kämpfe erfordern, bis es solche Gesetze gibt. Allen vollmundigen politischen Bekenntnissen zum Trotz scheint der Schutz von Kindern im Familienrecht  bisher keine Priorität zu haben!

Es wird Zeit, den Schutz von Kindern über das vermeintliche Elternrecht zu stellen!

Eine gesellschaftliche Diskussion, wie Kinderrechte sinnvoll umgesetzt werden können, und was Elternschaft eigentlich bedeutet, ist dringend notwendig!

Ich hoffe dass dieser Text ein erster Beitrag dazu ist!


Quellen:

1.S.6. Stellungnahme "Zu schön um wahr zu sein" Ursula Enders

2.Arbeitskreis Berliner psychologischer Sachverständiger

2.1.Arbeitskreis Berliner psychologischer Sachverständiger

3.vlg. Karin Jäckel in "Konkret" zitiert in "Vater um jeden Preis Auflage 1, S.201-Anita Heiliger

4.S.149-150 "Dunkle Triebe" Auflage1, Anna Salter

5. S.187-188 "dunkle Triebe" Auflage1, Anna Salter

6.S.65 .zit. n. Bundschuh/Stein-Hilbers 1998: 1991 "Zart war ich bitter wars" Auflage2, Ursula Enders

7.S.66 zit. n. Conte u.a. 1985 "Zart war ich bitter wars" Auflage2, Ursula Enders

8.S.67 zit. n. Conte u.a.1985 "Zart war ich bitter wars" Auflage2, Ursula Enders

9.S.69 zit. n. Lautmann 1994 "Zart war ich bitter wars" Auflage2, Ursula Enders

10.S.278-279 "Dunkle Triebe" Auflage1, Anna Salter

11.S.110-111"Kiss Daddy Goodnight"-Louise Armstrong

12.S.158 "Zart war ich bitter wars" Auflage2, Ursula Enders

13.S.34 "Kiss Daddy Goodnight"- Louise Armstrong

14.Der Krieg, die Frauen und die Handys

15.S.27 "Mütter melden sich zu Wort", Ursula Enders, Johanna Stumpf

16.S.28 "Mütter melden sich zu Wort" ,Ursula Enders, Johanna Stumpf

17.S.109 "Kiss Daddy Goodnight-Louise Armstrong

18. Mitten unter uns-Kindesmissbrauch am hellichten Tag

 
 

21.S.83-84 "Dunkle Triebe" Auflage1, Anna Salter

22.S.56 "Dunkle Triebe" Auflage1, Anna Salter

23.S.57 "Dunkle Triebe" Auflage1, Anna Salter