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Marco´s Geschichte

Hallo,

ich (geb.1990) schreibe hier als Erwachsener, der in seiner Kindheit zum Umgang mit dem getrennt lebenden Erzeuger gezwungen wurde.

Zur Vorgeschichte:

Meine Mutter flüchtete mit mir und meinen beiden Schwestern ins Frauenhaus, als ich 1 Jahr alt war, da mein Vater sich meiner Mutter gegenüber gewalttätig verhielt und der begründete Verdacht des sexuellen Kindsmissbrauchs bestand (die Hinweise darauf haben sich im Laufe der Zeit verdichtet, trotzdem ist niemand von den Behörden dieser Sache nachgegangen).

Obwohl nicht nur meine Mutter große Bedenken hatte und mein Vater kein menschliches Interesse an uns erkennen ließ wurde der Umgang von Gericht und Jugendamt durchgesetzt.

Für mich bedeutete das, regelmäßig mit einer Person zusammen sein zu müssen, zu der ich vor der Trennung keinerlei Bindung hatte, und die mir auch während der gesamten Zeit die ich mit ihm verbracht habe fremd geblieben ist.

Besonders schlimm war für mich aber nicht so sehr das Verhalten meines Vaters, sondern vor allem die Tatsache, dass keine der Institutionen, die angeblich für Kinder da sind, mir wirklich geholfen hat. Neben Gericht und Jugendamt sind hier auch Kindertagesstätten und vor allem Heilpädagogische Einrichtungen und der "Kinderschutzbund" gemeint. Stattdessen wurde mit subtiler Erpressung und Vorwürfen gearbeitet, Stil:"ihr macht es euch viel zu einfach", "euer Vater tut mir/uns leid", "euer Vater hat ein Recht darauf, euch zu sehen" oder auch " wenn ihr euren Vater besucht, dürft ihr bei der Mutter bleiben"

Es war und ist für mich sehr schockierend, zu sehen, wie wenig es tatsächlich darum geht, den Kindern gerecht zu werden, sondern in erster Linie darum, die Hintergründe, die zu einer Verweigerung des Kontaktes führen, nach Möglichkeit zu ignorieren, zu verharmlosen und zu leugnen.

Besonders absurd wird es dann, wenn man bedenkt, dass in der Bundesrepublick Deutschland pro Woche nach offizieller Statistik ca. 3 Kinder an Gewalt, Misshandlung und Vernachlässigung sterben.(1) Wo waren da die Gutachter, Richter, Sozialpädagogen usw.? Wie ist es möglich, dass in diesen Familien nicht eingegriffen wurde?

Die Gefühle, die ich hatte, wenn mir eröffnet wurde, dass ich meinen Vater weiterhin sehen muss, nach dem ich dem Richter geschildert hatte, warum ich meinen Vater nicht sehen will

sind nur schwer zu beschreiben. Es war eine Mischung aus Wut, Angst, Selbstzweifeln und dem Gefühl, getäuscht worden zu sein.

Leider kann ich an dieser Stelle nicht auf die Einzelheiten eingehen, möchte aber darstellen, welche Folgen die Ereignisse für mich hatten und teilweise auch heute noch haben.

Leistungsabfall in der Schule, häufiges Kranksein, Rückzug aus sozialen Kontakten und das Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit waren Folgen, mit denen ich als Kind fertig werden musste.

Auch heute noch werde ich von großer, unterdrückter Wut begleitet und der Angst, offen mit Bekannten, Kollegen und Freunden über meine Kindheit und Jugend zu reden, da diese von den Gerichtsverfahren und Umgängen überschattet wurde.

Geholfen, das alles zu überstehen, hat mir die Tatsache, dass ich bei einer sehr guten Psychologin war, hat mir die  Tatsache, dass meine Mutter sich stets hinter mich gestellt hat und mir soweit es ging ehrlich gesagt hat dass ich meinen Vater nur deshalb sehen muss, weil es so von Gerichten angeordnet wurde.

Das alles hier schreibe ich vor allem deswegen, um mich mit anderen Betroffen zu vernetzen. Damit meine ich natürlich zunächst andere Erwachsene, die in Ihrer Kindheit zum Umgang gezwungen wurden. Aber auch die Mütter und z. T deren neue Lebenspartner zählen für mich größtenteils mit zu den Betroffenen, da vor allem sie bei Ihren Bemühungen, die Kinder zu schützen ähnlich Schutz-und hilflos sind wie die betroffenen Kinder selbst.

Langfristig möchte ich damit dazu beitragen, dass unser Rechtssystem anfängt sich um die wirklichen Bedürfnisse und Wünsche der Kinder zu kümmern, also vor allem die Personen, die sich um die Kinder kümmern, stärkt und das, was die Kinder sagen, auch ernst nimmt.

Mir ist klar, dass diese Veränderungen nicht schnell zu erreichen sein werden und die Widerstände durchaus beträchtlich sind. Dennoch halte ich es für sehr wichtig, dass wir uns zusammen schließen und uns gegenseitig unterstützen, die Öffentlichkeit darüber aufklären, wie wenig Rücksicht auf die Kinder und Mütter genommen wird, und dass wir anfangen, die Personen die sich für Vaterkontakt um jeden Preis aussprechen mit den Fakten konfrontieren, und ihnen aufzeigen, welche katastrophalen Folgen das für Mütter und Kinder nach sich zieht.

Quellen:

1.Tod durch Gewalt