Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Umgangszwang bei Gewalt?

Ich bin mit Sicherheit nicht der Einzige, der in der Kindheit dazu gezwungen wurde, Kontakt zum Vater zu haben. In anderen Fällen können das Mutter oder beide Elternteile sein. Häufig besteht dieser Zwang, obwohl es sehr viele Anzeichen dafür gab/gibt das bei diesen Kontakten psychische, körperliche und/oder sexualisierte Gewalt ausgeübt wurde oder sogar noch wird.

In vielen Fällen ist dieser Verdacht naheliegend, in anderen konnte es (bei körperlicher bzw. sexualisierter Gewalt) sogar strafrechtlich nachgewiesen werden.Obwohl es schon seit Jahrzehnten bekannt ist, wie schädlich und weitverbreitet diese Gewalt vor allem in den Familien ist, spielt dieses Thema im Familienrecht und in der Jugendhilfe so gut wie keine Rolle. Anstatt sinnvoller Konzepte und standardisierter Vorgehensweisen, die den Schutz von Kindern und deren Bezugspersonen sicherstellen, kursieren in diesem System doch sehr seltsame und mit gesundem Menschenverstand definitv nicht nachvollziehbare Theorien.

Zu einigen möchte ich mich äußern:

Umgang bei Gewalt gegen das Kind selber

Die meisten werden denken, das ist eine klare Sache: Wer ein Kind schlägt, missbraucht, demütigt, vernächlässigt usw. der (die) hat in unserem Familienrecht und dem Jugendhilfesystem schlechte Karten. Schließlich haben wir doch die UN-Kinderrechtskonventionen und seit 2001 sogar eigens verbriefte Kinderrechte, die nur dazu da sind, das beste für Kinder zu erreichen.

Kaum vorstellbar, dass die seit 2001 geltenden Kinderrechte in der derzeitigen Praxis keinerlei Anwendung finden und die UN-Kinderrechtskonventionen in einer Art und Weise zum Einsatz kommen, die zumindest meiner Meinung nach nur als absolut pervertiert und idiologisch verblendet bezeichnet werden kann.

Denn anstatt dass man wie es in den UN-Kinderrechtskonventionen gefordert wird, Kinder anzuhören, vor Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung zu schützen und sie entsprechend ihrer Fähigkeiten zu fördern, beharrt man auf dem "Recht" der Kinder zu beiden Elternteilen Kontakt halten zu "dürfen". (1) In der Praxis ist das ein Zwang!

Das heißt also, man geht davon aus, dass der Kontakt zu den leiblichen Eltern gut ist, ganz einfach weil es eine genetische Herkunft gibt.

Schließlich hätten die Kinder ja auch eine Bindung zu den Eltern /dem Elternteil welche/r die Verbrechen am Kind begeht/begehen.

Eine solche Argumentation ist in meinen Augen nichts anderes als der Missbrauch von Ambivalenzen.

Abgesehen davon:

Kindern, die den Kontakt zu den leiblichen Eltern/Elternteil nicht wünschen, wird von vornherein unterstellt, sie wüssten nicht was sie tun, würden sich alles viel zu einfach machen, wären psychisch krank, stünden unter Beeinflussung, würden ihre "wahren" Gefühle abspalten und diese Ablehnung irgendwann bereuen. Dabei wird völlig ignoriert, was den Kindern angetan wurde.

Außerdem ist seit langem bekannt, dass Bindungen lebensnotwendig für Kinder sind. Eine solche Bindung zu zumindest einer Bezugsperson ist extenziell wichtig, damit Kinder sich entwickeln können. Da es Kindern in den meisten Fällen nicht möglich ist, sich einer gewalttätigen Bezugsperon zu entziehen, bleibt ihnen keine andere Wahl als sich an diese Bedingungen anzupassen. Das heißt nicht, dass es gut für die Kinder ist, und schon gar nicht, dass es Aufgabe der Jugendhilfe und des Familienrechts wäre, dafür zu sorgen, dass Kinder weiterhin unter solchen Bedinungen leben müssen.

Gewalt gegen Bezugspersonen des Kindes (meistens die Mutter oder Geschwisterkinder)

Auch hier wiederspricht die geltende Praxis in der Jungendhilfe und dem Familienrecht dem gesunden Menschenverstand auf das Schärfste.

Denn laut weit verbreiteter Rechtsprechung hat Gewalt gegen die Bezugspersonen nichts mit dem Kind selbst zu tun. Will heißen, wenn z. B der Vater die Mutter vor den Augen der Kinder zusammen schlägt und die Schwester vergewaltigt, so ist das für  das Kind alles kein Problem, denn ihm/ihr selber ist ja direkt nichts passiert.

Nach in Familienrecht und Jugendhilfe weit verbreiteter Ansicht   müssen die Eltern halt dafür sorgen, dass hier "die Paarebene" von "der Elternebene" getrennt wird. Die Schwester bekommt ganz einfach eine Therapie, evtl. macht man noch eine Familientherapie, wo jedes Familienmitglied seine/ihre Positin darlegen kann und alle ihr Verhalten bessern müssen.

Ja, das klingt absurd, ist aber in vielen Fällen Realität. Es wird nicht zwischen Opfern und Tätern unterschieden, es wird nicht begriffen, dass bei Gewalt in der Regel ein Klima der Angst herrscht, wodurch ein offener Austauch unmöglich wird. Es wird nicht unterschieden zwischen einem Konflikt, bei dem alle Beteiligten an einer Lösung interessiert sind, und zwischen Gewalttaten, die durch ein Machtgefälle zu Gunsten des Täters gekennzeichnet sind, das er/sie wohl kaum freiwillig aufgeben wird.

Und ganz nebenbei lernen Kinder, dass die Ereignisse in ihrer Umgebung nichts mit ihnen zu tun haben. Es wird ihnen also vermittelt, dass es völlig okay ist, wenn anderen Menschen Gewalt angetan wird. Es gibt keinen Grund zum Eingreifen.

Auch hier wiedersprechen also die Ansichten, Theorien und Vorgehensweisen im Familienrecht und der Jugendhilfe nicht nur dem gesunden Menschenverstand sondern mindestens genauso den fundamentalen Grundsätzen unserer Zivilgesellschaft. Mal ganz davon abgesehen, dass das individuelle Wohl der betroffenen Kinder nachhaltig geschädigt wird. Auch wenn dies vom BMFSFJ (2) auch gesehen wird bleiben weite Teile des Familiengerichts und der Jugendhilfe von weiterer Einsicht offenbar verschont.

Sind wir wirklich erstaunt darüber, dass so viele Menschen nicht eingreifen, wenn jemand angepöbelt, ausgeraubt und zusammengeschlagen wird, wo doch viele Kinder und Jugendliche dazu angehalten werden, bei Gewalt in der eigenen Familie wegzusehen?

Ist es das, was unsere Gesellschaft braucht? Solange mir persönlich nichts passiert, ist alles in Ordnung.

Wohl kaum

Quellen:

1. Falsche Kinderfreunde, erschienen 1993 in der Zeitschrift Emma. Hier wird unteranderem der "familienorientierte Ansatz" bei Missbrauchsfällen in der Familie kritisiert

2. Information vom BMFSFJ zur Auswirkung von miterlebter häuslicher Gewalt auf Kinder