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Umgangsrecht: wer zum Umgang gezwungen werden darf und wer nicht

Unsere Gesetzgebung gibt in diesem Fall eine scheinbar klare Antwort. Das Kind hat ein Recht darauf beide Elternteile regelmäßig zu sehen, die Eltern sind zum Umgang "berechtigt und verpflichtet". (1)

Soll heißen: Sie müssen ihre Kinder besuchen, wenn diese den Kontakt zu ihnen suchen.

Soweit die Theorie. Wenn man sich jedoch die derzeitige Praxis anschaut, wird leider schnell klar, dass der Umgang für viele Kinder weniger ein Recht sondern viel mehr eine Pflicht ist.

Während Kinder auf der Grundlage von fragwürdigen Theorien wie z.B. dem PAS(2) zum Umgang gezwungen werden, hat das Bundesverfassungsgericht 2008(3)

festgestellt, dass Eltern, die keinen Kontakt mit ihren Kindern haben

möchten, nicht zugemutet werden kann, zum Kontakt verpflichtet zu

werden.

Die Argumentation dabei ist ganz einfach. Es wird behauptet, dass Kinder, die den Kontakt zu einem Elternteil ablehnen, sich den Kontakt in Wahrheit doch wünschen, und ihre vorgegebene Ablehnung von anderen (meistens dem anderem Elternteil) übernommen hätten.

Merkmale dieses "übernommen" Willens sollen sein, dass Kinder dem einen Elternteil ausschließlich positive, dem abgelehnten Elternteil ausschließlich negative Eigenschaften zuschreiben. Weiterhin gilt als verdächtig, wenn sie keine realistischen Gründe für die Ablehnung nennen können, oder wenn die Schilderungen von belastenden Erlebnissen nicht mit den dazu passenden Emotionen verbunden sind.

Personen, die Kinder in dieser Weise beeinflussten, so die in Fachkreisen häufig vertretene Meinung, handelten aus egoistischen Motiven und fügten den Kindern schweren Schaden zu. Die Aussagen der Kinder dürften deshalb nicht ernstgenommen werden. Notfalls müssten sie vom "programmierenden" Elternteil isoliert werden und beim abgelehnten Elternteil leben.

Was auf den ersten Blick in Teilen überzeugend wirkt, stellt sich bei genauerem hinsehen jedoch als sehr zweifelhaft raus.

Auch wenn es wohl kaum einen Menschen gibt, der nur gute oder schlechte Eigenschaften besitzt, kann es durchaus andere Gründe außer bewusste oder unbewusste Manipulation dafür geben, dass Kinder bei dem abgelehnten Elternteil keine positiven Eigenschaften erkennen können. Möglich ist, dass der abgelehnte Elternteil sich den Kindern gegenüber ausschließlich negativ verhält oder, dass die Summe der schlechten Erfahrungen, die die Kinder während des Umgang/Kontaktes hatten so enorm ist, dass die guten Erlebnisse schlicht nicht mehr ins Gewicht fallen.

Ab wann eine Kontaktverweigerung zu einer bestimmten Person auf realistischen Gründen beruht dürfte in einigen Fällen schwer zu definieren sein, da Sachen, die von außen betrachtet harmlos wirken, wie z.B. Blicke, Gesten u.ä. für jemanden in der akuten Situation durchaus sehr belastend sein können. Viele Formen von Gewalt, insbesondere der psychischen Gewalt, sind von außen kaum zu erkennen, da die einzelnen Erlebnisse vielleicht nicht wirklich gravierend sind, aber im Gesamtbild durchaus eine Bedrohung für das Kind darstellen können. (4)

Die Tatsache, dass Kinder über belastende Erlebnisse nicht immer mit der emotionalen Qualität berichten die von den meisten Leuten erwartet wird, wie z.B. weinen, schreien, Verzweiflung in der Stimme etc. ist keineswegs ein Indiz dafür, dass die Berichte falsch bzw. eingeredet sind. Mindestens genauso wahrscheinlich ist, dass zumindest ältere Kinder ihre Emotionen verbergen, weil es ihnen peinlich ist sich vor fremden Menschen komplett zu öffnen.

Wenn man bedenkt, dass RichterInnen, JugendamtsmitarbeiterInnen usw. meistens nicht die ersten sind denen sich ein Kind mitteilt, ist es durchaus üblich, dass Kinder bis dahin schon eine innere Distanz zu den Erlebnissen aufgebaut haben und dadurch in der Lage sind bei der Schilderung der Ereignisse ruhig zu bleiben.

Bekannt ist auch, dass bei Traumatisierungen wie z. B Mordversuch, Missbrauch/Vergewaltigung, schlimme Unfälle, mit ansehen müssen wie anderen Gewalt angetan wird u. ä die Erinnerungen entweder (zunächst) vollkommen verdrängt werden, oder die Gefühle abgespalten sind um das Erlebte überhaupt aushaltbar machen zu können. Von daher ist es keineswegs verwunderlich oder ein Zeichen von Unglaubwürdigkeit, wenn solche Schilderungen emotionslos oder sogar mit einem Lächeln vorgetragen werden.

Es gibt außerdem keinen Grund zu glauben, dass Kinder bei einer Befragung sofort mit den gravierendsten Erlebnissen anfangen. Vielmehr ist es so, dass Kinder zunächst harmlosere Vorkommnisse schildern um zu testen ob das Umfeld in der Lage ist die Erzählungen auszuhalten und um zu sehen ob sie auf die befragenden Personen vertrauen können.

Bei Erwachsenen sind solche Gedankengänge nicht nötig. Wenn sie keinen Kontakt zum Kind haben möchten, müssen sie auch keinen Kontakt zum Kind haben. Das Urteil vom Bundesverfassungsgericht besagt nämlich, dass ein für den Elternteil erzwungener Umgang ein unverhältnismäßiger Eingriff in dessen Persönlichkeitsrecht ist. Einen Vater oder eine Mutter zum Umgang zu zwingen ist demnach also nur möglich, wenn das Kindeswohl den Kontakt unbedingt erfordert, wenn z.B. ein todkrankes Kind seinen Vater bzw. seine Mutter ein letztes Mal sehen möchte, diese/r aber das Kind nicht besuchen will. Der Verlust von einem geliebten Elternteil ist jedoch nicht ausreichend kindswohlschädigend um einen Umgang zu erzwingen!

Außerdem wird davon ausgegangen, dass ein erzwungener Umgang für das Kind nicht gut ist, sofern der Zwang für die/den Eltern/teil besteht.

Während Kinder also auch gegen ihren erheblichen Widerstand, wie weglaufen, um sich schlagen, schreien, weinen usw. zum Kontakt mit ihren Eltern/teil gezwungen werden, (5) weil es angeblich ihrem Wohl dient, müssen die Eltern bzw. der Elternteil im Normalfall mit keinerlei Zwang oder Sanktionen rechnen, wenn sie den Kontakt zum Kind ablehnen, obwohl die Folgen eines Umgangszwang bei ihnen wesentlich geringer wären.

In meinen Augen beweist die derzeitige Praxis, dass es nicht darum geht, den Kindern gerecht zu werden, sondern vielmehr darum Elterninteressen auch gegen die Rechte des Kindes durchzusetzen. Es ist kein wirkliches Bekenntnis zu den Kinderrechten, wenn einerseits behauptet wird, dass man den Kindeswillen ernstnimmt nur um andererseits zu erklären, dass Kinder eigentlich gar keinen eigenen Willen hätten.

Ebenso ist es nicht nachvollziehbar, warum jemand unfähig sein soll eine eigene Meinung zu haben, nur weil bestimmte Einflüsse auf diese Person einwirken. Schließlich käme wohl auch kaum jemand auf die Idee jemanden das Wahlrecht abzusprechen, nur weil Parteien kontinuierlich versuchen uns zu einem bestimmten Wahlverhalten zu beeinflussen.

2008 hat ein Vater erfolgreich vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Kontakt zu seinem Sohn geklagt. Der Kommentar(6) in diesem konkreten Fall, wonach man damit leben müsse, gewisse Rechte nicht durchsetzten zu können, lässt eine entscheidende Frage aufkommen:

Sind Kinderrechte nur wichtig, solange sie nicht gegen Erwachsene durchgesetzt werden müssen?

Quellen:

1.Gesetze zum Umgangsrecht

2.Kritische Stellungnahme zum PAS

3.Entscheidung des Bundesverfassungsgericht: Kein Umgangszwang für Eltern im Normalfall

4.Gewalt gegen Kinder und Jugendliche (Schwerpunkt ist hier die psychische Gewalt)

5.Kampf ums Pflegekind Panorama - die Reporter - 06.03.201221:15 Uhr

6.Interview mit der Anwältin die den klagenden Vatervertreten hat